Gestrandet in Como: «Hinter uns das Meer, vor uns diese unsichtbare Mauer»

Blogbeitrag von Sarah Spiller

Ballspiele sind ein beliebter Zeitvertrieb. (Como, 27.08.2016)

Auf dem Blog www.porlacarretera.ch veröffentliche ich in unregelmässigen Abständen Berichte und Gedanken zum Thema Menschenrechte. Nach den gescheiterten Friedensverhandlungen zwischen den Konfliktparteien im Sudan vor einigen Wochen, wollte ich mehr dazu erfahren. So beschloss ich, für ein Wochenende nach Como zu reisen, weil ich gehört hatte, dass sich dort unter den Gestrandeten auch zahlreiche Sudanesen befinden. Ich hoffte, durch ihre Geschichten besser zu verstehen, was dort passiert. Bei dieser Gelegenheit konnte ich zudem für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz HEKS Abklärungen treffen. HEKS wollte wissen, ob Nothilfe vor Ort nötig ist.

Der Brunnen im Park wird rege gebraucht. Die Kleider werden zum Trocknen an der Treppe ausgebreitet. (Como, 27.08.2016).

Der Brunnen im Park wird rege gebraucht. Die Kleider werden zum Trocknen an der Treppe ausgebreitet. (Como, 27.08.2016).

Als ich am Samstagmorgen in Como aus dem Zug steige, stehe ich vor dem Bild, das die Medien seit Anfang August immer wieder zeigen: improvisierte Schlafplätze unter den Vordächern des Bahnhofgebäudes, entlang der Gleise und auf dem Vorplatz. Da und dort schläft noch jemand, Menschen sitzen in kleinen Gruppen zusammen auf Decken und diskutieren leise. Die Treppe hinunter gelange ich zum kleinen Park, wo etwa zwanzig Zelte stehen.

Von anderen Flüchlingslagern war ich an Müllberge und Dreck gewohnt, wie auch an eine Hektik, die überall spürbar ist. Doch hier ist die Stimmung ruhig, es liegt kein Abfall herum, die Menschen tragen saubere Kleider. Sie nutzen den Brunnen im Park rege, um Schuhe und Kleider zu waschen, die sie dann an der Treppe zum Trocknen ausbreiten. Junge Männer spielen Ball, irgendwoher tönt Musik. Ohne den Kontext könnte man fast meinen, es sei ein Festivalgelände.

Martina*

Nach einer Weile gelingt es mir, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Martina, die als Freiwillige hier ist, unterstützt mich dabei. Sie geht bereitwillig auf meine Fragen ein, zeigt mir das Camp, erklärt mir, wie das Leben hier funktioniert und stellt mich den Anwesenden vor.

Ich erfahre, dass hier zwischen 200 und 500 Personen auf der Strasse leben. Die Zahl lässt sich nicht genau festlegen, da täglich Menschen kommen und gehen. Jemand erzählt, dass Freiwillige Schlafplätze angeboten hätten, aber dass die meisten hier bleiben wollen: «Vielleicht öffnen sie morgen ja die Grenze.» Für viele ist die Rückkehr in ein Aufnahmezentrum keine Option, die italienischen Behörden seien völlig überfordert und nicht in der Lage, akzeptable Bedingungen zu schaffen.

In Chiasso steht das Grenzwachkorps bereit um unerwünschte Grenzübertritte zu verhindern. (Chiasso, 27.08.2016)

In Chiasso steht das Grenzwachkorps bereit um unerwünschte Grenzübertritte zu verhindern. (Chiasso, 27.08.2016)

Martina meint, die Menschen hier leben zwar auf der Strasse, doch hungern müssen sie nicht. Morgens verteile eine Organisation Frühstück am Bahnhof, am Mittag gebe es bei der Caritas Picknick-Rationen, und abends seien in der Mensa der Kirche warme Mahlzeiten erhältlich. Don Giusto soll für die Dauer der Sommerferien mit einer Schule den Zugang zu den Duschen während täglich drei Stunden ausgehandelt haben. Ansonsten werden die Bahnhoftoiletten benutzt, die zu meiner Überraschung sehr sauber sind. Die übrigen Sanitäranlagen am Bahnhof und beim Roten Kreuz seien jedoch nicht so gut unterhalten. Beim Infopoint im Park türmen sich von Privatpersonen gespendete Kleider, Rucksäcke und Zelte. Die lokale Bevölkerung bringe immer wieder Hilfsgüter vorbei, erklärt mir Martina.

Die Grundbedürfnisse der Menschen hier sind also gedeckt. Ihre körperliche Gesundheit steht nicht auf dem Spiel. Aufgrund meiner Erfahrung aus verschiedenen Krisengebieten schätze ich die Lage nicht als humanitäre Notsituation ein, sondern eher als politische Zwängerei.

Oromo freuen sich über die Musik aus der Heimat.

Oromo freuen sich über die Musik aus der Heimat. (Como, 27.08.2016)

 

Ouri*

Radio «No Borders» hat ein Zelt aufgestellt und diskutiert heute die Situation der Oromo in Äthiopien. Die Mehrheit der Menschen hier sind Oromo. Sie versammeln sich um das Zelt, beteiligen sich an der Sendung und tanzen zu ihrer Musik. Ouri ist einer von ihnen. Er ist 21 Jahre alt und spricht gut Englisch. Er will nach Deutschland oder Grossbritannien und dort studieren. «Eine gute Ausbildung ist wichtig, um eine Arbeit zu finden, von der man leben kann.» Seit er vor etwa sechs Wochen hier gestrandet ist, hat er Buch geführt über die Menschen, die nach Como kommen. «Ich notiere jeden Einzelnen», sagt er, «mit Vornamen, Namen, Geburtsdatum und Herkunftsland.»

Während der «No Border»-Sendung erblicke ich dieses Zeichen immer wieder, Ouri klärt mich auf: «Das heisst Stolz auf mein Land.» Später erfahre ich, dass es sich um ein Erkennungszeichen unter Oromo handelt. (Como, 27.08.2016)

Während der «No Border»-Sendung erblicke ich dieses Zeichen immer wieder, Ouri klärt mich auf: «Das heisst Stolz auf mein Land.» Später erfahre ich, dass es sich um ein Erkennungszeichen unter Oromo handelt. (Como, 27.08.2016)

Sabeel

Der 33-jährige Sabeel stammt aus Al-Obeid im südlichen Sudan, wo mein Freund Ngato* lebt. Diese Tatsache schafft eine gewisse Verbundenheit, und Sabeel erklärt sich bereit, mir seine Geschichte zu erzählen. Da er hier im Camp eine Art Sprecherrolle übernommen hat, wird er dauernd um Hilfe gebeten. Deshalb beschliessen wir, uns zu entfernen, und bestellen in einer Bar am Seeufer ein Bier.

Stundenlang sitzen wir zusammen, und was Sabeel als politischer Aktivist aus dem Sudan erzählt, entspricht dem, was ich von Ngato als Angehöriger einer ethnischen und religiösen Minderheit schon weiss: Diskriminierung, Verfolgung, Schikane, und die permanente Ungewissheit, ob man am nächsten Tag noch in Freiheit, oder überhaupt noch am Leben sein wird.

Weltsprache Selfie. (Como, 27.08.2016)

Weltsprache Selfie. (Como, 27.08.2016)

Die Menschen, denen ich hier begegne, berichten grösstenteils von Missachtung ihrer Grundrechte, von Unterdrückung und von beinahe unvorstellbarer Gewalt. Ich erfahre von Dörfern, die vollständig zerbombt wurden; von Heckenschützen, die aus ihren Verstecken Studenten niederschiessen, weil sie womöglich politisch aktiv waren; von grausamsten Vergewaltigungen durch Soldaten oder Milizen. Die Reise durch die Sahara, durch Lybien, das Sabeel als «nur einen Schritt von der Hölle entfernt» beschreibt, und über das Mittelmeer scheinen die meisten primär auf sich zu nehmen, um Krieg und Gewalt zu entfliehen. In Ngatos Worten: «Man kommt an einen Punkt, wo man die Wahl hat zwischen bleiben und sterben, oder fliehen und vielleicht überleben

Nun stecken sie hier in Como fest. «Wir sind in einer Sackgasse», sinniert Sabeel. «Hinter uns das Meer, vor uns diese unsichtbare Mauer. Wir sind aus unserer Heimat geflohen, weil dort unsere Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Nun sind wir hier, und unsere Menschenrechte werden wieder mit Füssen getreten. Ist das das Land der Demokratie und der Menschenrechte? Die Menschen hier sind müde. Wir wollen doch nur in Frieden leben, arbeiten oder eine Ausbildung absolvieren, ohne täglich um unsere Unversehrtheit fürchten zu müssen.»

Ob Italienisch, Französisch oder Englisch, der improvisierte Sprachunterricht ist eine gern gesehene Abwechslung im Camp. (Como, 28.08.2016)

Ob Italienisch, Französisch oder Englisch, der improvisierte Sprachunterricht ist eine gern gesehene Abwechslung im Camp. (Como, 28.08.2016)

Camara*

In den darauffolgenden Tagen wende ich viel Zeit dafür auf, für den sechzehnjährigen Camara aus Guinea eine Lösung zu finden, damit er mit anderen Minderjährigen untergebracht werden kann. Don Giusto, der sich in Como für die besonders Schutzbedürftigen einsetzt, kann ihm schliesslich weiterhelfen. Camara wird wohl keinen Anspruch auf Asyl geltend machen können, seine Rückschaffung ist absehbar. Doch in der Zwischenzeit soll er entsprechend internationalem humanitärem Recht aufgenommen werden.

Die Geschichten der Menschen hier gehen mir sehr nahe. Es fühlt sich falsch an, ihnen zu sagen, dass ich ihnen nicht weiterhelfen kann, wenn ich gleichzeitig bequem in meine Wohnung und an meinen Arbeitsplatz zurückkehren kann.

Die Polizei verhindere den Aufbau weiterer Zelte, teilt man mir mit. Solange das Wetter hält, seien Schlafplätze unter freiem Himmel aber in Ordnung. (Como, 27.08.2016)

Die Polizei verhindere den Aufbau weiterer Zelte, teilt man mir mit. Solange das Wetter hält, seien Schlafplätze unter freiem Himmel aber in Ordnung. (Como, 27.08.2016)

Papy*

Während ich diese Zeilen niederschreibe, unterhalte ich mich über Whatsapp mit Papy aus Beni, Ostkongo. Wir kennen uns von einem früheren gemeinsamen Einsatz, und sind bis heute gute Freunde geblieben. Er schreibt von zunehmender Gewalt in seiner Heimat, wo er zurzeit auch lebt und für die UN-Friedensmission arbeitet: «Die Zahl der Menschen, die umgebracht wurden, hat sich in letzter Zeit verdreifacht. Vor zwei Wochen sind sie in unser Quartier eingedrungen und haben 56 Menschen abgeschlachtet.» Er hat Angst und will jetzt auch mit seiner Tochter fliehen. «Ich bin nicht arm, ich habe mein eigenes Haus für meine Familie, mein eigenes Auto. Aber was ist das wert, wenn wir stets um unser Leben fürchten müssen? Was ist das wert, wenn ich nachts nicht schlafen kann aus Angst, dass sie in unser Haus eindringen, dass sie meine Tochter vor meinen Augen vergewaltigen, oder sogar mich zwingen, sie zu vergewaltigen? Ich klage nicht gern über die Unsicherheit hier in Beni, aber jetzt ist die Situation unerträglich geworden, ich kann nicht länger hierbleiben.»

Kann irgendjemand angesichts solcher Berichte mit gutem Gewissen verlangen, dass die Menschen vor Ort bleiben, um ihr Land zu verteidigen oder wiederaufzubauen?

Philemon findet es immer wieder lustig, dass ich in der reichen Schweiz in einem WG-Zimmer wohne, während er in Beni ein schönes Haus und ein tolles Auto besitzt. Dass er von da weg will, hat nichts mit Armut zu tun. (Beni, 04.09.2016, Bild von F. M.)

Papy findet es immer wieder lustig, dass ich in der reichen Schweiz in einem WG-Zimmer wohne, während er im eigenen Haus wohnt und ein Auto besitzt. Dass er von da weg will, hat nichts mit Armut zu tun. (Beni, 04.09.2016, Bild von P. M.)

 

 

* Namen und Gesichter von Personen, die sich nicht explizit deren Veröffentlichung zugestimmt haben, wurden unkenntlich gemacht.

 

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