«I bi e Burebueb»

Als er die Anfrage bekommen hatte, im «Farbe bekennen» TV-Spot mitzuwirken, war für Gloria Kubiena schnell klar, dass er zusagen würde. Denn die Botschaft der Kampagne liegt ihm persönlich am Herzen: «Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie schwierig es ist, sich zu integrieren. Vor allem, wenn man auf dem Land aufwächst.»

Gloria Kubiena spricht Berndeutsch: «I bi dr Glöru» sagt er bei der Begrüssung. Gloria nenne ihn eigentlich niemand. Glöru ist 28 Jahre alt. Mit seiner Partnerin und seinem Sohn lebt er im Berner Schönbühl, arbeitet als Zügelmann und engagiert sich in der lokalen Rap-Szene. In Bern «dr Houptstadt» ist er verwurzelt. Nur sein Aussehen verrät, dass seine Familiengeschichte nicht in der Aarestadt ihren Anfang nahm.

Seine Eltern – die Mutter ursprünglich aus der Demokratischen Republik Kongo und der Vater aus Angola – sind bereits vor Gloria’s Geburt vor dem Kongokrieg nach Angola geflüchtet. Doch auch dort tobte ein Bürgerkrieg und ihr Leben war in Gefahr. Als Gloria zweijährig war entschied sein Vater, ihn in die Schweiz in Sicherheit zu bringen. Die ersten Jahre lebte Gloria in Lausanne. Erst als er 8 Jahre alt war, gelang auch seiner Mutter die Flucht in die Schweiz und Gloria zog zu ihr nach Hindelbank ins Emmental.

«Meine Mutter war neu in der Schweiz und wusste nicht, wie man sich hier richtig verhält. Wir waren sehr laut. Wir Kinder sind in der Wohnung herumgetobt, haben herumgeschrien und oft bis spät in die Nacht in voller Lautstärke ferngesehen.» Für Glöru ist es nachvollziehbar, dass sich die Nachbarn damals über die Familie aufregten. Geholfen hat der Familie aber nicht das Gefluche der Nachbarn, sondern dass sich zwei von ihnen für Glöru und seine Mutter einsetzten: Das Nachbarspaar vis-à-vis suchte das Gespräch und erklärte der Familie, welche Regeln es in der Schweiz gibt, an die sie sich für ein respektvolles Zusammenleben halten müssten. Der Kontakt schweisste die ungleichen Nachbarn zusammen und bald wurden sie für Glöru «Grossvater und Grossmutter».

«Mein Grossvater hat mich sehr unterstützt. Ich habe später im Heim gelebt und meine Mutter hatte nicht viel Zeit für mich. Er war es dann, der mit mir an die Standortgespräche gekommen ist, mich besucht und alles für mich geregelt hat. Wie ein echter Grossvater.»

Für Glöru’s Mutter war die Situation als berufstätige und alleinerziehende Frau in der Schweiz schwierig, so dass Glöru ab dem neunten Lebensjahr in verschiedenen Heimen und in einer Pflegefamilie im Berner Oberland aufwuchs. «Mit meiner Pflegefamilie habe ich zwei Alpaufzüge mitgemacht, habe regelmässig den Stall ausgemistet und die Ziegen gemolken – noch heute kann ich melken.» Glöru lacht: «I bi eigentlech e Burebueb.» Auch Skifahren und Snowboarden habe er gelernt. Und er könne «Röschti mit Stierenouge» braten. Die meisten Schweizer Traditionen kenne er gut.

Dass man Melken und Schwingen lernen muss, um sich in der Schweiz zu integrieren, denkt Glöru aber nicht. Doch wenn man sich für die Schweizer Kultur interessiere, dann sei es spannend diese Dinge einmal zu erleben. Im Berner Oberland aufzuwachsen war für Glöru rückblickend schön, aber nicht immer einfach. Aufgrund seiner Herkunft hat er viel Ablehnung erfahren und immer hatte er das Gefühl gehabt, sich beweisen zu müssen. Andererseits traf er Menschen wie seine Pflegeeltern oder seinen Grossvater, die «ds’Härz am rächtä Fläck hei» und sich für ihn eingesetzt hatten.

Heute nimmt Glöru die Reaktionen auf seine Person mit Humor: «Wenn mich zum Beispiel jemand auf Hochdeutsch anspricht, dann antworte ich extra ‘Du chasch scho Bärndüütsch mit mir redä’». Die Leute schauten dann jeweils völlig erstaunt. Diese Momente seien witzig, aber irgendwie auch traurig: «Denn es gibt schon viele Generationen von Migranten in der Schweiz. Heute, im Jahr 2018, sollte es eigentlich nicht mehr so erstaunlich sein, dass ein Afrikaner Berndeutsch spricht.»

Gloria «Glöru» Kubiena

Das Motto «Menschlichkeit» ist für Glöru zentral und danach richtet er sein eigenes Leben: «Es spielt keine Rolle, woher Du kommst. Wir alle sind Menschen – das ist es, was zählt.» Zu einer menschlichen Schweiz könne jeder beitragen: Den Flüchtlingen eine Chance geben – sich Zeit nehmen, sie begleiten und ihnen zeigen, wie sie es besser machen können, das sei wichtig.