Ein offenes Ohr für Gefangene

Kopf der Woche: Hanna Gerig, Koordinatorin der Gefängnisbesuchsgruppe bei Solinetz, Studentin und Mutter
Hanna Gerig

Ständig ist von der Flüchtlingskrise die Rede, obwohl wir in Europa gar keine Krise haben. Wir leben in all dem Reichtum, und die Flüchtlinge machen kaum je Probleme. Nicht wir, sondern die Flüchtlinge sind in einer Krise – nicht zuletzt all jene, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, die aber nicht in ihr Heimatland zurückkehren können. Diese Leute erhalten Nothilfe, mit der sie sich kaum das Nötigste zum Überleben leisten können.

Ich will die Menschen, die sich in der Schweiz in einer solch prekären Situation befinden, unterstützen. Darum engagiere ich mich seit 2010 bei «Solinetz», einem gemeinnützigen Verein, der aus einer Bewegung für abgewiesene Asylsuchende entstanden ist. Nebst Sprachkursen und Begegnungsmöglichkeiten organisieren Freiwillige von «Solinetz» auch Besuche im Ausschaffungsgefängnis beim Zürcher Flughafen.

Dass abgewiesene Asylsuchende und Sans-Papiers eingesperrt werden, ist ein Unrecht. Der einzige Grund, warum sie im Gefängnis sind, ist ihr illegaler Aufenthalt in der Schweiz. Wie lange sie im Gefängnis bleiben werden, wissen sie nicht: vielleicht zwei Wochen, vielleicht drei Monate, vielleicht aber auch achtzehn Monate. Diese Unsicherheit ist für sie eine enorme psychische Belastung, vor allem, weil ihre ganze Existenz auf dem Spiel steht. Sie wissen nicht einmal, ob sie tatsächlich ausgeschafft werden.

Aktuell besuchen fünfzehn Leute von «Solinetz» jede Woche einen Gefangenen. Klar ist: Unsere Besuche ändern nichts an der Existenz der Gefängnisse, ebenso wenig an der Tatsache, dass die Menschen dort eingesperrt sind und ausgeschafft werden sollen. Das sagen wir den Insassen zu Beginn ganz klar. Wir können keine juristische Unterstützung leisten. Aber wir können ihnen Gesprächspartner sein, ein offenes Ohr haben für sie. Wir geben ihnen zu verstehen: Wir denken an euch, ihr seid nicht allein. Wir zeigen ihnen, dass es Leute gibt, die mit ihnen solidarisch sind.

Die Gespräche sind oft gar nicht so schwer. Es wird immer wieder auch gelacht. Die meisten haben ein grosses Bedürfnis zu erzählen: wie sie in die Schweiz gekommen sind, was sie hier gemacht haben. Einige von ihnen wohnen und arbeiten seit Jahren in der Schweiz. Und plötzlich, etwa durch eine Scheidung, verlieren sie ihre Aufenthaltsbewilligung. Andere haben einen negativen Bescheid erhalten, weil sie ihre Fluchtgründe im Asylverfahren nicht «glaubwürdig» darlegen konnten. Natürlich beschweren sie sich auch und klagen. Und natürlich tragen sie auch Vorwürfe und Wut an einen heran. Wir hören ihnen zu, weisen sie aber auch darauf hin, dass wir nicht schuld sind an ihrer Situation.

Die Gespräche sind oft sehr intensiv. Immer wieder erkenne ich, dass wir gar nicht so verschieden sind. Das berührt mich immer wieder sehr. Und die Gespräche relativieren vieles. Sie setzen meine eigene Lebensrealität in einen grösseren Kontext. Es wird mir vor Augen geführt, welche Privilegien ich habe. Dies ist nicht immer ganz einfach. Aber so relativieren sich auch meine eigenen Probleme.

Ich finde es wichtig, in einem Land zu leben, das einen menschlichen Umgang mit allen seinen BewohnerInnen pflegt. Es kann niemandem gut gehen in einem Land, in dem die Schwachen leiden – auch den Reichen nicht. Ich bekenne Farbe, weil es für mich selbstverständlich ist, die Schwachen zu unterstützen. Das ist eigentlich keine grosse Kunst.

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